TAGES ANZEIGER: "Er baut dem Feuer ein neues Haus - von Pfau bis Corbusier"



Kachelofen Aufbau

von Thomas Paul
Als den Maurer Fredi Mathys die Faszination für die Geschichte einholte, wurde er Hafner und begann, alte Kachelöfen zu restaurieren

Mit prüfendem Blick nimmt er die erste Reihe Kacheln ins Visier, rückt hier zurecht, tippt dort leicht an die Kante und klopft weiter unten sachte gegen innen. Die Wasserwaage bestätigt den Winkel. "Ofenbauen ist Präzisionsarbeit" sagt Fredi Mathys. Wenn er alte Kacheln in der Hand hält, fühlt er sich zurückversetzt in ein anderes Jahrhundert, spürt beinahe körperlich den Abdruck des ersten Ofenbauers an den Bauteilen. Manchmal bis ins Barockzeitalter zurück.

Seit langem fasziniert den heute 35-jährigen das Feuer. Die einen werden dabei zu Brandstiftern - Mathys blieb seriös und machte zunächst eine Maurerlehre. Die Arbeit auf dem Bau wollte ihm nicht recht gefallen, so zog er nach Davos und fand Beschäftigung an einem Skilift, bevor er in Frohburg bei Olten die Ausbildung zum Hafner antrat und nach drei Jahren mit 18 Kollegen aus der ganzen Schweiz abschloss.

Fredi Mathys wuchs in Hettlingen auf, besuchte dort die Primarschule, in Seuzach die Sek, zog schliesslich nach Winterthur in die Steinberggasse und wieder weg. Jetzt wohnt er mit seiner Frau - geheiratet hat er erst vor drei Jahren - und seinen zwei Kindern in einem Bauernhaus im Dorfkern von Seuzach.

Hundert Jahre Garantie gibt Mathys auf seine Öfen. Das kann er nur, weil er viel Zeit und Sorgfalt aufwendet für jeden alten Kachelofen, den er umsetzt und jeden neuen, den er setzt. "Vier bis fünf Wochen kann es dauern, bis ein mittelgrosser Ofen gebaut ist", sagt Mathys. Das hat dann auch seinen Preis: 20000 bis 40000 Franken kostet ein kleiner bis mittlerer Ofen. Liebhaber und Anspruchsvollere legen auch mehr auf den Tisch und wollen, dass Mathys ihnen eine Ofenbank in der Form einer Corbusier-Liege baut, ein ausgefallenes Cheminée, und vielleicht einen Koch-, Back- oder Räucherofen.

Der eher kleine, stille junge Mann mit der leisen Stimme und den wachen blauen Augen legt Wasserwaage und Kacheln aus der Hand, überlegt sich jede Antwort gründlich und korrigiert kaum einen Satz. Dann nimmt er sein Werkzeug wieder in die Hand, kratzt alten Lehm von den grünen Kacheln und setzt die erste Reihe über dem Sockel in eine Linie, prüft mit der Wasserwaage.

Es gibt kein Zögern und keinen Schritt in die falsche Zimmerecke, wenn er neuen Lehm holt oder feineres Werkzeug. Alles ist an seinem Platz. Nichts geht verloren, wenn Mathys den frischen Lehm zwischen Kacheln und Schamottsteinen abstreicht. Auch nicht ein Tropfen Wasser.

"Es ist eine einsame Arbeit", gibt Mathys zu bedenken. Schliesslich lässt er sich jedes Mal vertraglich zusichern, allein in dem Zimmer arbeiten zu können, wo er den Ofen baut. Kein anderer Handwerker soll die Arbeit stören, kein Gips, keine Farbe von der Decke auf den entstehenden Ofen tropfen. Aus seinen Augen spricht aber keinerlei Leiden, schon eher der Schalk. Ob er das denn bis an sein Lebensende aushalten werde? Ja - da ist er sich sicher.

Niemand treibt ihn zur Eile an. Genau diese Freiheit liebt Mathys an seinem Beruf. Mit einem Pauschalpreis für den Ofen, vertraglich abgemacht vor jedem Auftrag, bleibt er Herr seiner Zeiteinteilung. Den eigenen Rhythmus braucht der Hafner. Woher die Berufsbezeichnung kommt? "Früher haben die Ofenbauer beim Abschluss ihrer Ausbildung einen Keramiktopf gefertigt, einen Hafen", sagt Mathys. "Die Berufleute waren damals zugleich auch Töpfer und Plattenleger." Hafner und Plattenleger zugleich können sie noch immer sein. Die meisten spezialisieren sich aber.

Auf eines ist Mathys stolz, man merkt es, ohne dass er darüber viele Worte verlieren würde: Als Hafner steht er in einer langen und ruhmreichen Tradition. Gerade in Winterthur, wo die noch heute weltweit vielleicht kostbarsten alten Kachelöfen herstammen. Gleich mehrere Familien der Stadt haben sich in den vergangenen dreihundert Jahren einen Namen gemacht - neben Stoll die innovativen David und Hans-Heinrich Pfau. Wenn er von den Farben dieser Öfen spricht, beginnen Mathys' Augen zu funkeln: " Die Pfau-Öfen waren die ersten mit heller Glasur", sagt er. "Charakteristisch ist die polychrome, mehrfarbige Bemalung mit Gold und Blau auf weissem Grund." Zu den Motiven gehören Schlachtenszenen aus der Geschichte der Eidgenossenschaft.

Mathys hatte schon als ganz junger Hafner das Glück, viel für die Denkmalpflege arbeiten zu können. So begründete er seinen Ruf als sorgfältiger Restaurator, und der wiederum brachte ihm einen prestigeträchtigen Auftrag ein: Mathys durfte die beiden Zürcher Rathausöfen der Brüder Pfau aus dem Jahr 1698 im Schweizerischen Landesmuseum aufbauen. "Die kostbarsten der Welt", meint Mathys.



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